Taschenfieber

Eigentlich wollte ich hier nur über Cable Bags schreiben, die ich immer recht witzig und originell fand, die zu meiner Überraschung aber vielen Leuten unbekannt waren. Irgendwie wurde dann eine riesige Fotosammlung mit thematisch sortierten Taschen daraus. Während Schmuck, Bänder und Tücher jahrtausendelang ein beliebtes Accessoire und Gürtel, Handschuhe, ja sogar Schirme einige Jahrhunderte in Verwendung waren, kam die Damenhandtasche erst im 20. Jahrhundert auf. Kleopatra hatte keine, Marie Antoinette auch nicht, aber Jackie O und die Queen of England!

Hatten Frauen viel zu tragen, verwendeten sie Körbe, Beutel, Schürzen oder geknotete Tücher (oder Dienerinnen, die Körbe, etc. trugen). Kleinigkeiten hatten in Rocktaschen Platz. Lediglich Geldmünzen wurden in Beuteln unter den weiten Röcken getragen. Erst als die Empiremode (berühmt gemacht von Napoleons Josephine) eine enger anliegende Silhouette vorschrieb, kamen kleine Stoffbeutel in Mode, die am Handgelenk getragen wurden und meistens aus dem gleichen Stoff wie das Kleid bestanden.

Und dann kam das 20. Jahrhundert mit Frauenrechtlerinnen, Flappern, unabhängigen berufstätigen Frauen und … einer Explosion an Formen, Farben und Ideen für Handtaschen. Hier meine beliebtesten:

Beutelchen – aus den Geldbeuteln entwickelten sich in der viktorianischen Zeit diese Handtaschen, die bis in die 20er beliebt waren. Verstaut werden mussten vor der Jahrhundertwende nur Riechsalz, Puder, Taschentuch und ein paar Münzen. Make-Up war verpönt, für das „große“ Geld waren Männer zuständig und Schlüssel für das Haus brauchte man nicht, da die Türen vom Personal geöffnet wurden. Die unabhängigen Flapper benötigten dann auf jeden Fall Platz für Zigaretten und Feuerzeug, Apartmentschlüssel und Lippenrot. Sie bevorzugten außerdem mit kleinen Perlen bestickte und oft mit Fransen versehene Taschen.

 

„Foxtrott-Taschen“ mit Tanzgriff – vor Breakaway, Lindy Hop & Co ließ man seinen Partner nicht los, um sich rasch zu drehen. Daher waren jene Taschen sehr beliebt, die während des Tanzes in der linken Hand behalten wurde, die auf/hinter der rechten Schulter des Herren ruhte. Diese Taschen gelten auch als Vorgänger der Clutch, die von Elsa Schiaparelli eingeführt wurden. Ihr ewohl ungewöhnlichste Kreation, die Laternen Tasche von 1938, kam mit elektrischem Licht.

 

Minaudières – Schminkköfferchen, Portemonnaie und Schlüsselhalter in einem und der Rolls-Royce unter den Handtaschen, da meistens aus Silber – die berühmtesten waren von Van Cleef & Arpels und Cartier. Sie kamen in den 20ern auf und waren mit kurzen Unterbrechungen bis in die 60er beliebt. Wichtig: das integrierte Feuerzeug und meistens die dazupassende Lippenstifthülle.

 

Cordé Taschen – waren eine Antwort auf die Leder-Rationierung der Kriegsjahre (die übrigens exotische Leder wie Eidechse und Krokodil nicht betraf). Die Kordeln waren sehr widerstandsfähig und auch heute gibt es noch viele gut erhaltene Taschen dieser Machart. Neu war die Verwendung von Reißverschluss sowie Bakelit- oder Lucitehenkel. Cordé Taschen waren meistens schwarz, aber auch braun und dunkelblau. Während des 2. Weltkrieges hatten dann Schultertaschen mit Riemen ihren Durchbruch, die es vereinzelt seit den 30ern gab. Vor allem in England wurden sie zum Tragen von Gasmasken verwendet!

 

Crochetbags – „selbstgemacht“ hieß das Zauberwort während des 2. Weltkrieges. Deshalb waren Häkel- und Strickanleitungen sehr beliebt. Es gab elegantere Versionen für den Abend mit ungewöhnlichen Griffen und Verschlüssen oder einfache, verspielte Modelle mit angehäkeltem Henkel.

 

Cable oder Coil Bags – nach dem Krieg wollte man es vor allem bunt und verspielt. Was man nicht alles mit Telefonkordeln machen kann! Cable bags kommen hauptsächlich aus den Vereinigten Staaten. Vereinzelte Modelle kann man auch aus Kanada und seltener aus England finden. Noch vor wenigen Jahren um Schnäppchen zu bekommen, sind die Preise dieser Tage recht ansehnlich geworden.

 

Boxes aus Holz, Plastik und Metall – neben Bakelit war Lucite ein beliebtes Material für diese meiner Meinung nach völlig unpraktischen Handtaschenkästchen. Doch wahrscheinlich hatte man nach dem Krieg erstmal genug von praktischen, billigen und unverwüstlichen Handtaschen. Wenigstens als Waffe sehr effizient!

 

Körbe – verspielt, mädchenhaft, nach Urlaub, Reise & Sommer anmutend, hatten Körbe in den 50ern ihren Zenit. Verziert, bestickt, mit Metall- und Bakelitgriffen und in jeder Farbe erhältlich.

 

Interessant – zumindest ihrer Geschichte nach – die Kelly Bag, nach Grace Kelly benannt. Da ich die Taschen zwar schön, aber etwas unoriginell und zu zeitlos finde, kann sich jeder hier schlau machen, der mehr erfahren will.

Bleibt nur noch eine Frage: was trägt die Queen wohl in ihrer Handtasche herum? Hausschlüssel wohl kaum! Dank einer Leserinnen-Antwort kann ich allerdings folgende Ergänzung machen: anscheinend gibt das royale Oberhaupt Englands mit ihren Taschen Zeichen, bei denen Nahestehende dann wissen, was zu tun ist.

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