Vintage, Retro, Repro oder einfach nur alt?

“Beware, what you are wishing for”, trifft hier eindeutig auf mich zu: Wie oft habe ich mir früher gewünscht, dass ich den Begriff “Vintage” nicht jedesmal erklären muss, wenn ich ihn außerhalb eines eingeweihten Freundes- und Interessenskreises verwendet habe. Unweigerlich waren Erläuterungen angesagt, sobald ich Aussagen wie “Ich trage gerne Vintage” oder “An diesem Samstag bin ich schon verplant, ich gehe mit Freunden Vintage-shoppen” gemacht hatte. Und dennoch war früher vieles eindeutiger. Denn Vintage traf auf gut erhaltene Gegenstände der 20er-50er Jahre zu. Und maximal auf den Jahrgang eines Weines. Was zeitlich danach kam – also die 60er, – galt als Retro mit oder ohne Atomic Flair (stark beeinflusst von Space Age und Raumfahrttechnik „Retrorocket“ heiß die Hilfsrakete, die beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre gezündet wurde). Über die 70er machte man eigentlich nur Witze. Vor Vintage lag viktorianisch oder – zumindest die amerikanische Zollbehörde betreffend – “antique”. Die 80er und 90er hat in den 80er und 90ern sowieso niemanden interessiert 🙂

Atomic

Einige der Vintage Sachen waren “second hand” oder “pre-worn”, andere waren “unworn” oder “dead stock” (vollkommen neue, unverkaufte Ware), aber alle waren Originale aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Da vor 30 Jahren noch massenweise Kleidung aus dieser Zeit erhältlich war, waren die Preise erschwinglich und Bedarf an Nachgemachtem gering. Das begann sich Ende der 90er Jahre zu ändern. Hervorgerufen vom großen Swing-Revival, das ausgehend von Schweden an der Ost- und Westküste der Vereinigten Staaten den Bedarf an Vintage Kleidung drastisch steigen ließ, konnte die Nachfrage nicht mehr erfüllt werden. Auch die Rockabilly-Szene, die sich Mitte der 80er Jahre zu formieren begann, hatte großen Zuwachs erhalten. Zusätzlich lag das Augenmerk auf pflegeleichteren Sachen, die einen Tanzabend unramponiert überstehen sollten. So wurde ein neuer Begriff für einen neuen Markt geboren: Repro, also im Look der Vintage-Jahre nachreproduzierte Ware. Als das Millennium eingetanzt wurde, feierten renommierte Firmen wie Re-Mix Vintage Shoes, Re-Vamp Vintage und Besame Cosmetics ihre Geburtsstunde (wobei Re-Mix zu dieser Zeit bereits seit 20 Jahren bestand, allerdings aufgrund des aufgebrauchten true vintage Schuhvorkommens zu einer Repro-Brand wechselte). Bis heute haben sich weltweit viele Firmen erfolgreich dem Nachmachen von Bekleidung und Gegenständen – von Kühlschränken bis hin zu Broschen – verschrieben (mehr siehe HIER). Parallel dazu gab und gibt es Produkte einer „continuous production“: Gegenstände, die also seit langer Zeit unverändert produziert werden.

Repro

Neben Rockern und Swingcats begann eine weitere Gruppe den Begriff Vintage für sich zu entdecken: Designer fingen an, sich dieses Ausdrucks zu bedienen, um Modelle einer vergangenen Kollektion zu betiteln. In der schnelllebigen Modewelt bekamen somit potenzielle Ladenhüter einer Vorsaison einen edlen Namen, denn Vintage klingt auf jeden Fall besser als „unverkauftes-stark-reduziertes-Stück-von-xxx“ oder „Secondhand“. Was bei Prêt-à-porter Designern Sinn macht, ist bei Massenwarenerzeugern allerdings lächerlich. Die große Ausnahme bildet hier Vintage Haute Couture, die eine ernstzunehmende Wertanlage ist, insofern man sie sich überhaupt leisten kann. Denn für gut erhaltene Vintage Chanel-, Schiaparelli- oder Dior Stücke heißt es tief in die Tasche greifen. (Anmerkung: In den 30er/40er/50er Jahren gab es von einigen bekannten Designern Schnittmuster zu kaufen, die ein Originaletikett inkludierten, welches die Hausfrauen-Schneiderin in ihr eigenes Kleid nähen konnte. Daher aufgepasst.)

chanel-label-1920s

Und da Designer einflussreiche Menschen sind und es in der Natur des Menschen liegt, nostalgisch in die gute alte Zeit zurück zu blicken, besonders, wenn man diese selber noch nicht mitgemacht hat, wirft heutzutage fast jeder mit dem Begriff Vintage um sich und hofft damit, einen Teil des kommerziellen Kuchens abzubekommen: mit Klamotten der 80er Jahre gefüllte Secondhand-Läden, Trödler, junge Modeschöpfer und verstaubte Familienbetriebe. Alle missbrauchen das arme Wort „Vintage“, was alles sehr verwirrend ist. Licht ins Gebrauchtwarendunkel soll der neuerdings immer öfter auftauchende Ausdruck „true vintage“ bringen. Und „authentic repro“, wenn korrekterweise Bezeichnungen verwendet werden sollten, die von „inspiriert von“ bis hin zu „falsch verstandenes Design im Stil von“ reichen sollten.

Stellt sich nur die Frage, was man in einem Vintage-Diner zu essen bekommt? Während man sich entweder auf Küchenklassiker der 50er Jahre, serviert am chrom-polierten Tresen, oder vergammelte Reste aus dem Kühlschrank freuen kann, könnte man vielleicht einen eigenen Begriff für second-hand Sachen aus den 80ern kreieren. Miami-Vicig, Dynastyle oder whamy?

Tresen

 

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